Der Dompteur ist zur Fütterung zurück

24 Nov

Weil Tom Waits‘ Reibeisenstimme klang, als gurgele er morgens mit Whisky und atme Luft ausschließlich durch filterlose Zigaretten, bewarfen ihn seine Zuhörer einst mit Obst und Gemüse. Sein neues Live-Album „Glitter & Doom“ beweist, dass die Stimme zwar geblieben ist – dass Waits aber sein Publikum, dieses „wilde Tier“, inzwischen vollkommen beherrscht.

Schon auf seinem im Jahr 1973 erschienenen Debüt-Album „Closing Time“ weckt Tom Waits unweigerlich Assoziationen an einen betrunkenen Barpianisten – ein Image, das er auch danach noch lange Zeit pflegte. Waits lehnte es von Beginn an ab, mit seinen Songs den Massengeschmack zu befriedigen – selbst den der Jugendkultur nicht. Angesagt waren zu jener Zeit Glam-Rocker wie Gary Glitter und Marc Bolan oder Prog-Rocker wie Mike Oldfield und Manfred Man.

Doch Tom Waits sang düstere, melancholische bis depressive Lieder über romantische Verlierer, die nachts zusammengesunken irgendwo in einer Kneipe rumhängen und über warmes Bier und kühle Frauen lamentieren. Seine Songs klangen wie Vertonungen des berühmten Edward-Hopper-Gemäldes „Nachtschwärmer“, auf dem drei einsame Barbesucher ohne jeden Bezug zueinander sinnlos ihre Zeit absitzen.

Obwohl die Zahl seiner Fans und der verkauften Platten klein blieb, passte sich der am 7. Dezember 1949 geborene Künstler nicht an. Während sich die in den 1980er Jahren alles dominierende Popmusik seicht und eingänglich präsentierte, begann Waits mit seinen „Found Sounds“ (gefundenen Klängen) zu experimentieren: Er verwendete fortan auf seinen Alben Gegenstände, die er auf dem Müll gefunden und zu Instrumenten umgebaut hatte. Angeblich setzte ihn sein Label deshalb vor die Tür. Der Chef der Plattenfirma soll sein Album „Swordfishtrombones“ („Schwertfischposaunen“) für unverkäuflich befunden haben, nachdem er einige Demos gehört hatte.

Ausflüge zum Film

Doch Tom Waits blieb sich weiterhin treu. In den 1990er Jahren wurden er und seine Musik bekannter – was auch an einigen Nebenrollen in Filmen lag, die Waits etwa in „Down by Law“ oder „König der Fischer“ übernommen hatte. Der Sänger hätte seine Popularität leicht weiter steigern können, indem er nur ein paar Alben mehr veröffentlicht und einige Konzerte zusätzlich gegeben hätte.

Stattdessen ließ Waits zwischen seinem 1992er Album „Black Rider“ und seinem Album „Mule Variations“ sieben Jahre verstreichen. Auf Tour ging er in dieser Zeit nicht und auch danach trat er nur sehr sporadisch auf. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass Tom Waits in seiner inzwischen fast 40-jährigen Musikerkarriere keinen Nummer-1-Hit landen konnte. Obwohl sein Name inzwischen längst sehr bekannt ist, schaffte es noch keines seiner Alben in die Top-Ten der Charts.

Hassliebe gegenüber dem Publikum

Seine Aversion gegen Tourneen hat vor allem zwei Gründe: Zum einen hat er keine Lust, seine Familie über Monate hinweg nicht sehen zu können, zum anderen hat er schon seit dem Beginn seiner Karriere ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinen Anhängern. Die Hassliebe entstand, als ihn sein erster Manager Herb Cohen im Vorprogramm von Frank Zappa & the Mother of Invention auf Tour schickte. Beim Publikum kam er damals nicht gut an.

„Sie kamen und schmissen Obst und Gemüse auf mich“, sagte er einmal. Seitdem sei das Publikum für ihn ein wildes Tier, das man nicht zu häufig füttern sollte, wie er einmal in einem „Spiegel“-Interview sagte. Und außerdem: „Lange Tourneen, der ganze Stress mit Hotels und fremden Menschen machen mich nur noch mürrischer. Und ich bin auch so schon oft sehr finster gelaunt.“

Abschied vom Barpianisten-Image

Wie gut, dass sich der fast 60-jährige Künstler im vergangenen Jahr doch überwinden konnte und auf Tournee ging. Denn so ist sein 23. Album „Glitter & Doom Live“ entstanden – ein Mitschnitt in exzellenter Tonqualität der ausverkauften Tour, die Waits durch die Vereinigten Staaten und Europa führte. Die erste der beiden CDs enthält 17 Lieder, die fast alle im Verlauf der vergangenen 20 Jahren schon einmal veröffentlicht worden sind. Waits hat sie bei verschiedenen Auftritten während seiner Tour gesungen. Allerdings sind sie so gut zusammengeschnitten, dass es klingt, als handele es sich um die Aufnahme eines einzigen Konzerts.

Nur der Song „Live Circus“ ist neu – ein Waits-typisches Spoken-Word-Stück mit leichter, musikalischer Untermalung, wie er sie schon in den 1970ern am Barpiano zum Besten gab. Die übrigen Lieder stammen in der Mehrzahl von den beiden Alben „Bone Machine“ und „Real Gone“ aus den Jahren 1992 und 2004, die wichtige Eckpunkte in Waits Karriere markieren. Auf „Bone Machine“ begann er, sich von seinem „Betrunkener-Barpianisten-Image“ zu verabschieden, und auf „Real Gone“ ist er beim alten Delta-Blues und den Wurzeln des American Folks angelangt. Auf diesem Album verzichtete er erstmals komplett auf das Piano, das bis dahin so charakteristisch für seine Musik war.

Die zweite CD von „Glitter & Doom Live“ ist ein reines Spoken-Word-Album, auf dem die vielen skurrilen Geschichten zu hören sind, die Waits auf der Bühne gerne zwischen den Liedern erzählt.

Gedanken an eine Durchfahrtsstraße

Auf seinem neuen Album präsentiert sich Tom Waits in Bestform. Der „Klabautermann des Röchel-Blues“, wie ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung einmal genannt hat, faucht, krächzt und jault sich durch seine Texte, in denen er bisweilen Geschichten von am Straßenrand verlorenen Träumen erzählt. Dazu Musik, die klingt, als habe Waits Blues, Rock’n’Roll, Jazz, Gospel oder Zirkusmusik in einen Sack gepackt, diesen lange genug geschüttelt und zu Guter letzt noch mit aller Kraft darauf herumgetrampelt. Heraus kommt Waits eigener, kaputt-klingender Sound, der so wunderbar mit seiner Reibeisenstimme harmoniert.

Zwischendrin ist immer mal wieder eine dieser Waits-typischen, brüchigen Balladen versteckt, wie das großartige „Fannin Street“, das Waits ursprünglich John Hammond jr., dem Sohn der Blueslegende John Hammond, für dessen Album „Get Wicked“ überließ, und das Waits für sein 2006 erschienenes Album „Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards“ dann doch noch aufnahm. Vermutlich hat noch nie jemand in der Musikgeschichte solch überdrüssige Gedanken über eine Durchfahrtsstraße in der texanischen Großstadt Houston gesponnen, wie Waits in diesem Lied.

Keine Hoffnung mehr auf Sonnenschein

Überhaupt der Blues: Der findet sich ziemlich häufig auf „Glitter & Doom Live“. Zum Beispiel „Get behind the mule“, Waits‘ ganz eigene Verbeugung vor dem König des Delta Blues, Robert Johnson. Waits erklärte dazu einmal, dass das Lied von dem inspiriert worden sei, was Johnsons Vater einst über seinem Sohn gesagt haben soll: „Das Problem mit Robert ist, dass er morgens einfach nicht hinter sein Maultier kommt, um zu pflügen.“

Flotter geht es dann bei „Goin‘ out West“ vom 1992er Album „Bone Machine“ zu. Ein manischer Bluesrock, bei dem es schwer fällt, sich seinem stumpfen und stampfenden Rhythmus zu entziehen und der den Hörer zwangsläufig in seinen Sog zieht. Eine Wirkung, die Waits Beschwörung „Make it Rain“ vom „Real Gone“-Album noch wesentlich stärker entfaltet. Nach diesem Lied hofft niemand mehr auf Sonnenschein. Und mit „I’ll be back some lucky Day“ beschließt Waits das Album mit einer Ballade, die wirklich jedes noch nicht versteinerte Herz berühren muss.

Kaum Überraschungen

Insgesamt enthält „Glitter & Doom Live“ wenig Neues. Fans kennen die meisten Lieder bereits, wie das bei den meisten Live-Alben der Fall ist. Dennoch steht Waits nicht im Verdacht, sich mit der Veröffentlichung nur eine zusätzliche, leichte Einnahmequelle erschließen zu wollen. Es lohnt sich, das Album zu kaufen, und dafür sorgt Waits selbst. Er präsentiert seine Lieder live in leicht veränderter Form und trägt sie mit einer Innbrunst vor, die man von den Studioalben so nicht kennt.

Doch die überraschendste Erkenntnis des Live-Albums ist: Der fast 60 Jahre alte Waits ist noch immer ein großartiger Dompteur, der das Publikum, dieses wilde Tier, unter Kontrolle hat, mehr noch: der es begeistert und verzückt, wie der Szenenapplaus, der immer wieder mitten in den einzelnen Stücken aufbrandet, beweist. Schade, dass Waits das Tier nur noch so selten füttern will, zumindest in Deutschland. Hier trat er das letzte Mal im November 2004 in die Manege. Es wird langsam mal wieder Zeit.

„Glitter & Doom Live“ ist am 20.11.2009 erschienen.

Erschienen am 20. November auf ARD.de

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