Die Top-10 des Kinojahrs 2009

11 Jan

Verglichen mit 2008 bot das zurückliegende Kinojahr durchaus Grund für Hoffnung. Unter anderem gab es neue Filme von Quentin Tarantino, Sam Raimi, James Cameron, Kathryn Bigelow, Michael Mann, Darren Aronofsky und Steven Soderbergh zu sehen. Viele dieser Filme konnten die hohen Erwartungen halten oder markierten eine überraschende Rückkehr zu früherer Form. Nur Martin Scorseses Shutter Island wurde uns vorenthalten – das von der Wirtschaftskrise angeschlagene Studio hat den Kinostart der Dennis-Lehane-Verfilmung verschoben, eine nicht ganz nachvollziehbare Sparmaßnahme.

2009 war nicht nur in dieser Hinsicht das Jahr der Wirtschaftskrise: Michael Mann und Tom Tykwer haben mit ihren Filmen Public Enemies und The International im fiktiven Rahmen wohl am deutlichsten auf das bestimmende Thema in Nachrichten und Zeitungen verwiesen. Aber auch Rückgriffe auf den klassischen Politthriller wie Kevin Macdonalds State of Play (State of Play – Stand der Dinge), europäische Gangsterfilme wie der ausgezeichnete Mesrine-Zweiteiler von eiteiler sche Gangsterfilme wie der ausgezeichnete Jean-François Richet und Independentfilme von Nicolas Winding Refn (Bronson) und Darren Aronofsky (The Wrestler) belegen zusammen mit Kathryn Bigelows beeindruckendem Irakkriegsdrama The Hurt Locker (Tödliches Kommando – The Hurt Locker) ein neues Interesse an düsteren Charakterstudien. Im Folgenden meine persönlichen Top-10 des Kinojahrs 2009.

Platz 1

Inglourious Basterds (2009; Quentin Tarantino) – Irgendjemand hat einmal gesagt, ein guter Film bräuchte mindestens fünf movie moments, diese schwer greifbaren Momente, Bilder oder Szenen, die aus einem Film hervorstechen, uns verzaubern und Unterhaltungskino zu dem magischen Erlebnis machen, das es im Idealfall sein kann. Inglourious Basterds, Tarantinos Ausflug in den zynischen Kriegsfilm, ist ein Werk voller solcher movie moments geworden. Da wären z.B. die an den Italowestern angelehnte, unerhört gute Eröffnungssequenz oder das Verhör, in dem Christoph Walz nebenher einen Strudel, nun ja, zerstört. Unvergesslich sind auch die gesamten 40 Minuten in einer französischen Kellertaverne, in denen die „Basterds“ Kinderspielchen mit besoffenen Nazis spielen müssen, bevor alles innerhalb weniger Sekunden in Fetzen geschossen wird. Und wenn am Ende dann die Geschichte umgeschrieben wird und in einem großen Showdown mit Hitler, Goebbels und Co. abgerechnet wird, dann findet Tarantino genau die richtigen Bilder, um der gruseligen Hitlerei der letzen Kinojahre (speziell Der Untergang) den Garaus zu machen. Schlicht der Film des Jahres! Und Tarantinos bester bislang. Wie sagt Christoph Walz’ Hans Landa so schön: „That’s a Bingo!“

Platz 2

Il Divo (2008; Paolo Sorrentino) – Il Divo ist vermutlich neben Das Weiße Band der boshafteste Film des Jahres. Sorrentino erzählt die Lebensgeschichte Giulio Andreottis, der an 33 der 50 italienischen Regierungen beteiligt war, lange vor Berlusconi sieben Mal den Posten des italienischen Ministerpräsidenten bekleidete und hier, von Toni Servillo gespielt, ein wenig wie ein hermaphroditischer Zwerg wirkt. Dass Il Divo im Übrigen „Der Göttliche“ heißt, markiert bereits die Fallhöhe. Alleine die Eröffnungsmontage, die von einem House-Song begleitet („Toop Toop“ von Cassius) die bekanntesten Mafia-Morde en detail nachstellt und dazu über Schrifttafeln über Brigate Rosse, die Aldo-Moro-Entführung und den Mord an Giovanni Falcone informiert, ist ein Meisterwerk in sich. Ein eiskalter, bitterer Film, der manchmal wie eine Oper in der Irrenanstalt wirkt. Einer der besten des Jahres.

Platz 3

Public Enemies (2009; Michael Mann) – Endlich wieder ein richtig guter Michael-Mann-Film. Cadrage und Einstellungsgrößen wirken durch das Spiel mit Vorder- und Hintergrund und die übernahen, detailreichen Großaufnahmen wie ein bewusster Rückgriff auf die 1960er Jahre und die Techniscope-Bilder des italienischen Genrekinos. Die Close-ups von Johnny Depp jedenfalls hätte Sergio Leone selbst nicht besser eingerichtet haben können. Der digitale Look des Films bringt zusätzlich eine geradezu surreale Note ein. Ein Ärgernis ist allerdings die deutsche Synchronfassung, die es sogar schafft, aus dem FBI das „Zentrale Büro für Ermittlungen“ zu machen.

Platz 4

The Hangover (2009; Todd Phillips) – The Hangover war wirklich eine Überraschung. Todd Phillips, der zuvor u.a. den grässlichen Starsky & Hutch (2004) verbrochen hat, gelingt tatsächlich das Kunststück, eine Komödie für die Thirtysomethings zu inszenieren, die weit über die üblichen Zoten hinausgeht. Brachialhumor bietet der Film natürlich trotzdem. Was auch viel Spaß macht.

Platz 5

Mesrine – L’ennemi public n° 1 / Mesrine – L’instinct de mort (2008; Jean-François Richet) – Neben Steven Soderberghs epischem Biopic Che – Part i / Che – Part ii (2008) ein weiteres filmisches Dyptichon, das ästhetisch auf die 1960er und 70er Jahre zurückgreift; die Zeit, als das Kino noch wilde, verrückte Filme en masse vorweisen konnte. Mesrine ist eine rasante Gangsterballade über den französischen Staatsfeind Nr.1, Jacques Mesrine, perfekt besetzt mit Frankreichs Oberrampensau Vincent Cassell. Der beste europäische Genrefilm des Jahres und trotz der Laufzeit von insgesamt vier (!) Stunden ausgesprochen erfrischend.

Platz 6

The Hurt Locker (2009; Kathryn Bigelow) – Trotz einiger Handkamerasperenzchen und überzogenem Testosterongehabe gelingt Bigelow mit The Hurt Locker nicht nur die Rückkehr zur alten Form, sondern auch der beste Film zu Irakkrieg bislang. Intensives, unmittelbares Actionkino ohne Ideologie und mit Charakteren statt Stereotypen.

Platz 7

Das Weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009; Michael Haneke) – Michael Haneke steht kaum im Verdacht, leichte Unterhaltungsware zu produzieren. Oft sind seine Filme sperriges Kopfkino oder öde Konzeptkunst. Das Weiße Band allerdings hat mich seit Langem wieder für den Regisseur eingenommen, der hier erbarmungslos die puritanisch geprägten Gewaltstrukturen eines dörflichen Mikrokosmos in der Vorkriegszeit seziert. Das ist nicht unbedingt humanistisches Kino, aber im nahezu ausverkauften Kino herrschte danach einfach nur noch Stille. In Schwarzweiß ist der Film übrigens auch gedreht – etwas, das man heute leider viel zu selten zu sehen bekommt.

Platz 8

Avatar (2009; James Cameron) – Ice Age – Dawn of the Dinosaurs (2009; Carlos Saldanha und Mike Thurmeier) war mein erster 3D-Film, seit Hollywood wieder versucht, uns die neue alte Innovation als Attraktionskino unterzuschieben. Tatsächlich waren die Effekte dort durchaus überzeugend. Aber erst Avatar zeigt, was man alles mit der zusätzlichen Dimension anfangen kann. Eine überzeugende Dramaturgie sieht vielleicht anders aus, aber als visionärer Bilderrausch ist Camerons Comeback ein Meisterwerk. Punkt.

Platz 9

Drag Me to Hell (2009; Sam Raimi) – Endlich mal wieder ein guter Horrorfilm, der trotz seiner Jugendfreigabe alles bietet, was man sich von einer filmischen Achterbahn erwartet. Und jetzt bitte eine dritte Tanz der Teufel-Fortsetzung – nicht jugendfrei, versteht sich!

Platz 10

The Taking of Pelham 1 2 3 (Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3; 2009; Tony Scott) – Immer, wenn ich den Glauben an Tony Scott verliere (und das passiert häufig), legt der Brite wieder einen lupenreinen Genrefilm vor, der zwar nicht das Rad neu erfindet, aber auf prollig-originelle Weise seinen Zweck erfüllt. Das ist gewiss kein Kunstkino, aber besser als einiges, was Hollywood dieses Jahr herausgebracht hat. Joseph Sargents Original von 1974 mit dem großartig bärbeißigen Walter Matthau (in Deutschland unter dem Titel Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3) bleibt trotzdem der bessere Film.

Harald Steinwender,  freier Autor und Filmwissenschaftler. Er betreibt den Film-Blog „themroc„. Kürzlich erschien sein Buch „Sergio Leone – Es war einmal in Europa“ im Bertz + Fischer-Verlag.“

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2 Antworten to “Die Top-10 des Kinojahrs 2009”

  1. Mecki 16. Januar 2010 um 01:24 #

    Ein gutes Neues!
    „Wir müssen Abschied nehmen. Ein weiteres Jahr ging ins Land, und es war ein Jahr voller Fröhlichkeit und Heiterkeit. Wer denkt nicht gerne zurück an das Bild des sich Oberkörper-frei räkelnden Pädophilen, der immer wieder stolz auf den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt wurde. Nach all den Popstar- und Model-Castings eine erfrischend kreative Art um bekannt zu werden, welche die Fernsehsender gerne unterstützen und aufgreifen. Was kann man sich da noch an medial verwertetem Amateurmaterial mit Kuschelfaktor für 2010 erhoffen?
    Und die vielen netten Jugendlichen, die wundersame Metamorphosen in Medienberichten bewirken: aus Mehmet wird Martin, aus einer Messerstecherattacke wird eine Rangelei, eine Gaunerbande wird zur Jugendclique. So macht Journalismus Spaß und ist gleichzeitig fantasievoll. Darauf kann man auch 2010 nicht verzichten.“

  2. kinderkaffee 16. Januar 2010 um 01:29 #

    Avatar – dümmlicher „Pocahontas“ für 3-D Fetischisten

    http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/avatar-%E2%80%93-seichter-%E2%80%9Epocahontas%E2%80%9C-fur-3-d-fetischisten/

    Avatar ist ein pervertierter Superlativ. „Das Teuerste“, „das Größte“, „das Neuste“ Schmierentheater! Denn wo offenbar mit der visuellen Ästhetik geprotzt wurde, hat man am Drehbuch/Inhalt mächtig gespart. Seicht-dröge Action- Liebesgeschichte im Alien-Gewand, zwischen Pocahontas und banal.

    Da fragt man sich nur, warum müssen moderne Blockbuster eigentlich immer so unsäglich dümmlich sein. In Zukunft – schlage ich vor – die Dialoge zu behalten und beim nächsten Filmvorhaben, marginal verändert, wieder zu verwenden. Wahlweise in ein amerikanisches Romeo-und-Julia-Ghetto gepackt oder in ein Historienepos versetzt. Da spart man sich das lästige „Rumgeschreibe“ und kann gleich mit dem Animieren beginnen. Da kann groß „VOM MACHER VON TITANIC“ und „MIT DER GESCHICHTE UND DEN DIALOGEN AUS AVATAR“ geworben werden.

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