DER MAKEL, „OBEN OHNE“ ZU SEIN

4 Sep

Die Versicherungsbranche hat es eigentlich gut. Die Mehrzahl der Mitarbeiter sind Frauen. Ihr Anteil liegt bei 58,5 Prozent. Die derzeitige Diskussion über Frauenquoten für Vorstände und Aufsichtsräte könnte die Brancheentspannt verfolgen, denn bei solch einem großen weiblichen Arbeitskräftereservoir sollte es nicht schwierig sein, geeignete Frauen für Führungspositionen zu finden. Trotzdem sind die meisten Unternehmen „Oben ohne“ – ohne Frauen im Top-Management.

Magere vier Prozent der Assekuranz-Vorstände tragen Kostüm statt Anzug. In den Ebenen darunter ist der Anteil zwar höher, der Männerüberhang aber immer noch groß. Je höher und wichtiger die Position bei einem Versicherer, desto seltener ist dort eine Frau anzutreffen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

An der Wahl des Studienfachs kann es eigentlich nicht mehr liegen. Die Zahl der weiblichen Studentinnen in Ingenieurswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Jura legt seit Jahren deutlich zu und liegt vielfach schon gleichauf mit dem Anteil der Männer. Frauen im Top-Management der Assekuranz bleiben dennoch Mangelware.

Das zum Teil mangelhafte Angebot zur Kinderbetreuung in Deutschland ist sicher ein Grund dafür, dass sich viele talentierte Frauen entweder für die Familie oder für die Karriere entscheiden. Beides unter einen Hut zu bringen, ist immer noch schwierig.

Der Ausbau ganztägiger Kitaplätze ist ein löbliches und sinnvolles Unterfangen, doch sobald die Kinder in die Grundschule kommen, stehen Eltern erneut vor der Schwierigkeit, wer sich am Nachmittag nach Schulschluss um das Kind kümmert. Flächendeckenden Ganztagsunterricht, wie in vielen anderen europäischen Staaten, gibt es in Deutschland (noch) nicht.

Allerdings scheint es in Unternehmen auch immer noch strukturelle Barrieren zu geben, die den Aufstieg von Frauen in höhere Management-Positionen verhindern – allen Sonntagsreden und Selbstverpflichtungen zum Trotz. Zwar schlossen Bundesregierung und Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft 2001 die freiwillige Vereinbarung „zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft.“ Getan hat sich seitdem wenig. Immer noch haben mehr als 90 Prozent der 100 größten Unternehmen nicht eine einzige Frau im Vorstand. Deshalb macht eine Quote Sinn. Nicht unbedingt eine starre Regelung, die etwa 30 Prozent Frauen in allen Vorständen der Unternehmen fordert. Aber eine flexible Quote würde helfen, die eine Mindestanzahl beider Geschlechter in den Führungsgremien verlangt, je nach dem jeweiligen Geschlechterverhältnis der jeweiligen Branche. Das würde der Realität besser Rechnung tragen.

Dass es ohne Quote nicht zu gehen scheint, zeigt zudem die Geschichte der Gleichberechtigung. Ohne gesetzliche Regelung und juristische Durchsetzung wäre sie nicht auf dem heutigen Stand. Zwar hatte schon die Weimarer Reichsverfassung von 1919 zwei Gleichberechtigungsartikel, die neben den gleichen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten auch die Gleichberechtigung in der Ehe festschrieben. Das Bürgerliche Gesetzbuch der BRD unterwarf Ehefrauen trotzdem jahrzehntelang der Entscheidungsgewalt des Ehemannes, der unter anderem über das Vermögen der Frauen verfügen oder deren Arbeitsplatz kündigen konnte.

Das in der Politik heutzutage der Frauenanteil in Führungspositionen im Vergleich zur Wirtschaft so hoch ist, ist den Grünen und ihrer parteiinternen Frauenquote zu verdanken. Heute haben bis auf die FDP alle im Bundestag vertretenen Parteien eine Quote – entsprechend stark sind Frauen im Bundestag vertreten. Überspitzt könnte man die These formulieren, dass Angela Merkel ohne die Grünen nie Bundeskanzlerin geworden wäre.

Die Signale aus der Politik sind eindeutig: Der Wirtschaft droht eine Quote. Abwendbar ist sie nur noch, wenn die Wirtschaft sich massiv bewegt. Die Assekuranz sollte deshalb das Potenzial ihrer Mitarbeiterinnen konsequent fördern und nutzen. Dann wird der Frauenanteil im Top-Management automatisch steigen und die Versicherungswirtschaft kann möglichen Quotenregelungen entspannt entgegen sehen. Der Druck aus Berlin und Brüssel, mehr Frauen in Vorstände zu berufen, wird weiter zunehmen. Es wird langsam zum Makel, „oben ohne“ zu sein. Und das ist gut so.

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