FALK FATAL WILL NICHT NACH BERLIN

3 Apr

Neulich stand ich an der Theke der Kneipe meines Vertrauens. Neben mir stand ein Mann mittleren Alters, so Anfang 40 war er wohl. Im Laufe des Abends kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner, den wir der Einfachheit halber Herrn K. nennen wollen, erst seit Kurzem in Wiesbaden lebt. Zuletzt wohnte Herr K. in Heilbronn. „Warum ausgerechnet Wiesbaden?“, fragte ich ihn. „Der Liebe wegen“, antwortete er. „Das leuchtet ein“, erwiderte ich, nahm einen Schluck und dachte, das Thema sei damit erledigt. Doch Herr K. legte nach: „Ich habe schon in vielen Städten gelebt. Ich war in Hamburg, in Berlin, in Dortmund, in Stuttgart – überall  dasselbe. Die Menschen finden die eigene Stadt immer am langweiligsten. Nimm Wiesbaden. Ich weiß nicht, was alle hier haben. Jeder sagt mir, Wiesbaden wäre sterbenslangweilig, dabei stimmt das doch gar nicht. Hier ist eine Menge los. Man muss halt einfach genauer hinschauen.“

Darüber musste ich erst einmal nachdenken und nahm einen weiteren langen Schluck. Ich kam letztendlich zu dem Schluss, dass Herr K. Recht hat. Klar, der Rhein ist nicht die Elbe, Kreuzberger Nächte sind häufig länger als hier in Wiesbaden, der SV Wehen Wiesbaden ist nicht die Borussia und der hiesige Bahnhof wird auf absehbare Zeit oberirisch bleiben. Aber kann man das dieser Stadt wirklich vorwerfen? Hat Wiesbaden je behauptet, Berlin, Hamburg, Dortmund oder Stuttgart sein zu wollen? Meines Wissens nicht. Allenfalls ist manchmal die Rede vom „Nizza des Nordens“, aber das ist eine andere Geschichte.

Seien wir ehrlich, solche Vergleiche hat diese Stadt doch gar nicht nötig. Das kulturelle Angebot ist groß (natürlich könnte es größer sein, aber in welcher Stadt könnte es nicht größer sein?). Fast jeder Geschmack, jede Neigung wird befriedigt.

Bock auf Indie? Ab in den Schlachthof. Handgemachte Musik gefällig? Dann solltest du mal das wunderschöne Walhalla besuchen. Aufstrebende Newcomer oder hochklassige Autorenlesungen gewünscht? Der Kulturpalast lockt. Oder doch lieber Elektro? Im Chopan, Basement oder Parkcafé wummern die Beats. Der Sinn steht mehr nach Kunst? Dir ist wohl entgangen, dass Wiesbaden eine Galeriedichte aufweist, wie sie wohl nur wenige deutsche Städte haben. Lust auf Lachen? Pariser Hoftheater und Thalhaus warten. Du bist mehr der Cineast? Schau doch mal im Caligari oder dem Kino der Murnau-Stiftung vorbei.

Diese kurze, unvollständige Aufzählung zeigt, dass Wiesbaden einiges zu bieten hat. Man muss nur genauer hinschauen. Wem das aber immer noch zu wenig ist oder wer das öde findet, kann ja gehen. Nach Berlin oder wohin auch immer. Ich bleibe hier und berichte davon. Jeden Monat aufs Neue. Ich freue mich drauf.

Ursprünglich in Ausgabe 1/2012 des Senor Magazin Wiesbaden erschienen

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