„DIE GEMA HAT HARTE ZEITEN VOR SICH“

15 Sep

Bei meinen Recherchen zu den neuen Veranstaltungstarifen der Gema interviewte ich einige Protagonisten der Wiesbadener Musikszene. Da mir diese recht ausführliche und auch interessante Antworten auf meine Fragen gaben, die ich nicht alle in dem Artikelunterbringen konnte, dokumentiere ich diese Antworten hier, um euch einen noch etwas tiefergehenden und umfassenderen Blick auf das Thema zu geben. Heute ein Interview mit Carsten Schack vom Schlachthof-Kollektiv.

Carsten Schack ist Mitglied des Kollektivs, das den Schlachthof in Wiesbaden führt. Das soziokulturelle Zentrum hat sich im Laufe der Zeit zu einem besten Clubs und Konzertveranstalter in Deutschland entwickelt. Damit ist der Schlachthof natürlich direkt von den neuen Veranstaltungstarifen der Gema betroffen. Auf die Gema sieht Carsten harte Zeiten zukommen.

Carsten, die Gema will zum Jahreswechsel ihre bisherige Tarifstruktur ändern und verspricht eine „Vereinfachung des bisherigen Systems. Betreiber von Diskotheken, Clubs und Musikkneipen sehen das anders und sprechen von Tariferhöhungen von 400 bis mehr als 2000 Prozent.
Könnt ihr diese Kritik nachvollziehen? Wie wird sich die neue Tarifstruktur auf euch auswirken?

Je nachdem, welche bisherigen Verträge mit der GEMA bestehen, kommt es mindestens zu moderaten, teils aber auch zu horrenden Erhöhungen. Übrigens auch im Konzert Bereich, hier werden über Jahre die Gebühren schrittweise und dadurch wenig spektakulär angehoben.

Die aktuelle Debatte hat meines Erachtens zwei Facetten: Zum einen geht es darum, welcher Anteil die Urheber an den aus Ihren Werken resultierenden Umsätzen zusteht. Leider klingt sich die Gema nicht in die bestehende und hochspannende wie hochnotwendige gesellschaftliche Debatte um Urheberrechte ein, sondern entscheidet relativ isoliert nach eigenem Gusto. Weit fataler ist aber der zweite Umstand: Von einem Jahr zum nächsten werden neue Tarife eingeführt, die besonders große Discotheken mit den bisherigen günstigen Jahrespauschalverträgen in einem Maße belasten, dass deren bestehende Geschäftsmodelle wohl nicht standhalten werden.

Quasi aus dem Nichts kommen enorme Zusatzkosten auf diese Betriebe zu, die ja irgendwoher generiert werden müssen.

Ob es gleich zu einem großem „Clubsterben“ kommen wird, möchte ich nicht prognostizieren – naheliegend ist aber, dass vor allem die mittleren und kleineren DJs weniger Gage, die Angestellten weniger Lohn und die Eintrittspreise ansteigen könnten.

Ein kleines Geschmäckle bleibt bei mir leider auch: Solche Tarifänderungen werden von den ordentlichen Mitgliedern der Gema beschlossen – jenen circa 3.000 Mitgliedern, die zu den bestverdienensten der Gema gehören. Sprich: Genau denen, die möglicherweise von den neuen Tarifen am meisten profitieren. Für den einzelnen Gema-Mitarbeiter ist die Situation auch nicht leicht – diese müssen jetzt die Prügel in zig Gesprächen mit wütenden Kunden einstecken.

Für den Schlachthof fallen die Tarifänderungen nicht ganz so stark ins Gewicht wie bei einer reinen Disco, da Tanzveranstaltungen nur ein Teil unseres Angebotes darstellen. Da wir aber, wie viele andere soziokulturelle Einrichtungen, die Gewinne aus profitablen Diskos und Konzerten in defizitäre Veranstaltungen stecken, steht zu befürchten, dass diese kleinen Veranstaltungen – Theater, Konzerte, Lesungen etc. – unter der neuen Tarifstruktur zu leiden haben, weil schlicht weniger Geld zur Umverteilung zur Verfügung steht.

Mit welcher Zunahme rechnet ihr. Oder gehört ihr zu den Läden, die sogar weniger zahlen müssen?

Um unsere Angebot aufrecht zu erhalten, werden wir an einigen Stellen unsere Preise erhöhen, um die Gema bezahlen zu können. Der jährlich zusätzlich aufzubringende Betrag für Discos liegt je nach Veranstaltungsdichte zwischen 5.000 Euro und 10.000 Euro. Im Bereich der Clubabende in unserem kleinen Raum verdoppeln sich die Kosten ungefähr, da wir hier statt wie bisher einen Jahrespauschalvertrag nun jede Veranstaltung einzeln abrechnen müssen. Letzteres erhöht natürlich auch unseren Verwaltungsaufwand, gewiss auch den der Gema. Bei den „Großraumdiscos“ haben wir auch in der Vergangenheit und der eher geringen Anzahl angemessen einzeln abgerechnet – hier erhöhen sich für uns die Kosten zwar im zweistelligen Prozentbereich, was aber vergleichsweise moderat ist.

Wie werdet ihr auf die neue Gebührenordnung reagieren? Etwa die Eintritts – und Getränkepreise ändern?

Wir werden gewiss nicht an den Gagen der Künstler drehen, den dies entspricht nicht unserer soziokultureller Auffassung. Leider ist es ja auch nicht so, dass die Gema Erhöhungen auch tatsächlich den Künstler zugute kommen, deren Lieder auf unseren Discos gespielt werden. Ob wir alte Soul Heroen, Elektro oder Punkrock spielen –  es steht zu befürchten, dass unser Geld doch eher an Dieter Bohlen und Herbert Grönemeyer wandert und nicht an Egotronic, Kettcar oder Hot Water Music. Wir werden um einzelne Erhöhungen am Eintritt und bei dem ein oder anderen Getränk nicht herumkommen. Wir müssen hoffen, dass die Geldbeutel unserer BesucherInnen dafür tief genug und die Besucherinnen verständig genug sind. Wir sind bestrebt, die Kosten so breit verteilt umzulegen, dass harschen Preisanstiege an einzelnen Stellen vermieden werden.

Viele Betreiber sehen sich durch die Tarifreform in ihrer Existenz bedroht. Ihr auch?

Wären wir eine Großraumdiskos, müssten wir sicher anders nachdenken. So stellt sich für uns vor allem die Frage: Wie generieren wir den Betrag der zusätzlichen Gema-Kosten, damit wir weiterhin in voller Anzahl kleiner Veranstaltungen finanzieren können, deren Realisierung oft an wenigen Hundert Euro hängt?

In Berlin hat sich Initiative „Fairplay – Gemeinsam gegen GEMAinheiten“ gegründet, ein Zusammenschluss Clubbetreibern, Veranstaltern und Musikliebhabern, um gegen die Tarifreform zu protestieren. Könnt ihr euch vorstellen, in Wiesbaden (oder Rhein-Main) etwas Ähnliches zu starten?
Es gibt im Rhein Main Gbiet bereits eine ähnliche Initiative.

Die Gema hat harte Zeiten vor sich. Selbstverschuldet hat sie sich durch unfassbar ungeschicktes Verhalten in eine die Rolle eines „Everbodys Enemy“ gebracht. Wie ein 800-Millionen-Euro-Unternehmen bei einer solch zentralen Tariferhöhung dermaßen borniert agieren kann, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Sicher ist aber: Der Widerstand gegen die Tarifreform wird dadurch erst recht angefeuert, Ergebnis offen. Wir werden versuchen, die Debatten zu begleiten, nicht nur, weil wir davon selber betroffen sind, sondern auch weil zentrale Fragen gestellt werden: Das Recht auf geistiges Eigentum, Partizipation an Umsätzen daraus, die Frage, wie auch kleinere KünstlerInnen von ihren Werken profitieren können etc.

Bisher hier veröffentlicht zu diesem Thema:

NEUE GEMA TARIFE: PANIKATTACKE ODER REALE BEDROHUNG?

INTERVIEW MIT MARTIN SCHMIDT ZU DEN GEMA-TARIFEN

“DIE GEMA BETREIBT AUGENWISCHEREI”

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Eine Antwort to “„DIE GEMA HAT HARTE ZEITEN VOR SICH“”

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  1. “ICH GLAUBE NICHT, DAS AUCH NUR EIN CLUB WEGEN DER GEMA-TARIFE WIRD SCHLIESSEN MÜSSEN” « falksinss.de/blog - 19. September 2012

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