DAS ZEITUNGSSTERBEN HAT BEGONNEN

26 Nov

Die Pleite der Frankfurter Rundschau und das Ende der Financial Times Deutschland waren nur der Anfang, wenn die Verleger nicht endlich reagieren. Sonst wird der November 2012 als der Monat in die Geschichte eingehen, in dem das großen Zeitungssterben in Deutschland begann.

Der November war gewiss kein guter Monat für die deutsche Presse. Erst musste die traditionsreiche Frankfurter Rundschau (FR) Insolvenz anmelden, rund eine Woche später kündigte Gruner & Jahr an, die Financial Times Deutschland (FTD) einzustellen. Zudem kündigte der Verlag des Stadtmagazins Prinz an, die Zeitschrift ab 2013 nicht mehr als Printprodukt zu verkaufen. Stattdessen soll die Onlinepräsenz ausgebaut werden. Komplett vom Markt verschwinden wird das regionale Monatsmagazin Meiers, das seit 1986 über Kultur und Leben im Rhein-Neckar-Raum berichtete. Einen Monat zuvor hatte schon die Nachrichtenagentur dapd Insolvenz angemeldet.

Warum dieses Geschrei?

Der Aufschrei in der hiesigen Presselandschaft war groß. Und er klang überrascht, als ob das alles so unerwartet kam. Liest man sich durch die Kommentare und Artikel zur Pleite der FR und der Einstellung der FTD, so scheint es, als hätten die Kommentatoren und Autoren noch nie über den großen Teich geblickt. Dort sterben die Zeitungen schon seit Jahren wie die Fliegen. Aber man muss gar nicht nach Amerika schauen, ein Blick in das Jahrbuch des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDVZ) genügt. Die Auflagen sinken kontinuierlich seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 1991 lag die Auflage noch bei 27,3 Millionen Stück. Zehn Jahre später waren es nur noch 23, 7 Millionen und 2012 wird die Auflage voraussichtlich bei 18,4 Millionen liegen. Das heißt, innerhalb von 20 Jahren ist die Auflage der Tageszeitungen um knapp zehn Millionen Exemplaren gesunken, also rund 500.000 Exemplaren pro Jahr. Angesichts dieser Entwicklung war es doch nur eine Frage der Zeit, bis hier wirklich mal eine große Zeitung Pleite geht und nicht nur eine Lokalausgabe gestrichen wird.

Verkaufte Auflage der Tageszeitungen in Deutschland von 1991 bis 2012
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Man hätte all das erwarten können. Doch viele Kollegen und Verleger scheinen sich immer in die Tasche zu lügen. So finden sich den Berichten über FR, FTD, Prinz und dapd zahlreiche Erklärungen für deren Ende. Die FR war schon seit Jahren in Schieflage, war zu lesen, durch die Gemeinschaftsredaktion habe sie ihr linksliberales Profil verloren oder sie habe es versäumt, sich im Rhein-Main-Gebiet lokal zu verorten. Die FTD schreibe seit ihrer Gründung rote Zahlen. Und als Wirtschaftszeitung sei sie für die breite Masse zu speziell, für die Nische aber zu allgemein gewesen. Und der Markt für zwei Wirtschaftstageszeitungen schlicht zu klein. Stadtmagazine, die hauptsächlich aus Partybilder und Ausgehtipps bestehen, hätten ihre Existenzberechtigung verloren in Zeiten von Smartphones und Facebook. Und in Deutschland sei halt nur Platz für eine Vollagentur, die Pleite von dapd also folgerichtig.

Erklärungen gehen an der Realität vorbei

In anderen Kommentaren wird dann auf die Verleger geschimpft, die es nicht verstanden hätten, ihre Zeitungen rechtzeitig auf die veränderte Medienlandschaft einzustellen und auf die Journalisten, die zu kritisch mit sich selbst seien. Und als Erklärung für den Auflagenrückgang muss häufig die Jugend herhalten. Die Jugend ist schuld, weil die keine Zeitung mehr liest.

Die Erklärungen mögen für sich genommen alle stimmen. Ja, die FR war seit Jahren in Schieflage. Und meiner Meinung nach wurde sie von Sparrunde zu Sparrunde schlechter. Wenn die FTD mehr Bordexemplare verteilt als sie Abonnenten hat, ist es absehbar, dass dieses Geschäftsmodell nur funktionieren wird, solange die Anzeigenerlöse sprudeln. Bleiben die aus, wird das Geld schnell knapp. Und in Zeiten, in denen mir Facebook, Quype oder Foursquare die neusten Locations und besten Partytipps direkt aufs Smartphone schicken, brauche ich wirklich kein Stadtmagazin mehr.

Aber diese Erklärungen gehen an der Realität ein gutes Stück weit vorbei. Die blenden, ob bewusst oder unterbewusst, den wahren Grund für die Misere aus: Die Tageszeitung als Chronist des gestrigen Tages, als Ansammlung nackter Tatsachenberichte, ist in der heutigen Zeit überflüssig. Fast alles, was dort steht, weiß ich schon am Tag zuvor. Ich habe es entweder im Radio gehört. Im Fernsehen gesehen oder halt im Internet mitbekommen.

Jetzt ist es nicht neu, dass die Tageszeitung das unaktuellste Medium der Medien ist, die auf Aktualität setzen. Das ist Tageszeitung schon seit Erfindung des Radios nicht mehr. Doch die Menschen haben nicht permanent Radio gehört oder Fernsehen geschaut. Mit dem mobilen Internet ist das anders. Das haben viele Menschen den ganzen Tag in Form ihres Smartphones bei sich. Wenn ich will, kann ich fast jede Entwicklung auf der Welt live auf dem Smartphone verfolgen. Die Tageszeitungen machen so weiter wie bisher. Brav wird jede Nachricht vermeldet.

Nichts ist so alt wie die Nachricht von gestern

Schauen wir uns doch mal eine typische Tageszeitung an. Der Politikteil besteht zum Großteil aus gewöhnlichen Berichten und Meldungen. Hier und da mal ein Kommentar. Hintergrundartikel oder große Analysen, mit denen sich die Tageszeitung gegenüber dem Netz abgrenzen könnte,  finden sich dagegen kaum. Ähnlich sieht es in dem ebenfalls aktualitätsgetriebenen Wirtschafts- und Sportteil aus. Wenig Analyse und Hintergrund, dafür viele nackte Nachrichten. In der Form kann die Zeitung nur gegen das Internet verlieren. Nehmen wir als Beispiel die FTD vom 21. November. Am Vorabend schien es für kurze Zeit, in Gaza gäbe es eine Waffenruhe. Diese stellte sich dann doch nicht ein. Für den Redaktionsschluss (der zumindest im Rhein-Main-Gebiet erscheinenden Ausgabe der) FTD kam die Nachricht jedoch zu spät. Die FTD machte am nächsten Morgen im Politikteil mit der Headline “Israel und Hamas lassen die Waffen schweigen” auf. Dass die Waffenruhe doch nicht zustande kam und die gegenseitigen Raketenbeschüsse in der Nacht weitergingen, erfuhr der Leser nicht. So war die FTD an diesem Morgen nicht nur nicht aktuell, sondern machte auch mit einer falschen Nachricht auf. Keine gute Werbung für das Medium Tageszeitung, das sich so viel auf seine Qualität zugutehält.

Doch statt sich dieser Entwicklung zu stellen und nach Lösungen aus der Misere zu suchen, schimpfen die Verleger auf das Internet. Und die Umsonstkultur (by the way: Niemand hat sie jemals gezwungen, ihre Inhalte gratis im Netz anzubieten). Und Google. Der Suchmaschinenkonzern soll jetzt zur Kasse gebeten werden, weil er die Nutzer auf die Webseiten der Verlage führt.

Negativbeispiel Musikindustrie

Mich erinnern diese Reaktionen an die Musikbranche. Auch dort brach mit der Digitalisierung der Inhalte und deren Verbreitung durch das Internet das ursprüngliche Geschäftsmodell zusammen. Und was machte die Musikindustrie? Schimpfte auf die Umsonstkultur und versuchte, ihre Kunden zu kriminalisieren. In dem sie sie abmahnte, anzeigte und ihre Produkte mit einem Kopierschutz belegte. Auf die Idee, sich den veränderten Bedingungen zu stellen und anzupassen, kamen die Plattenfirmen nicht. Dass mit der Digitalisierung von Musik und der Bereitstellung auf Plattformen die Idee des Albums obsolet geworden ist, verstanden sie nicht. Da musste erst Apple kommen und mit iTunes zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, mit Musik im Netz zu verdienen. Mittlerweile geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter. Musik besitzen verliert immer mehr an Wert für die Nutzer. Die permanente Verfügbarkeit ist wichtig. Streaming heißt das Zauberwort der Stunde. Doch auch hier musste erst Spotify kommen, um der Musikbranche den Weg zu weisen.

Die Ignoranz gegenüber dem veränderten Kundenverhalten, hätte die Musikindustrie fast in den Abgrund gestürzt. Wenn die Zeitungsverleger nicht bald reagieren,  wird ihr Produkt nur noch eines für Liebhaber sein, ähnlich wie es Vinyl für Musikliebhaber schon heute ist. Ich höre sie schon sagen: “Ich liebe einfach das Rascheln des Papiers, wenn ich die Zeitung umblättere.”

Weg von der Chronistenpflicht

Wollen sich Verleger ein ähnliches Schicksal ersparen, dann müssen sie ihr Produkt der heutigen Zeit anpassen. Klingt banal, würde aber einer Neuerfindung der Tageszeitung gleichkommen.

Überregionale Blätter müssten auf die Chronistenpflicht verzichten. Stattdessen sollten sie dem Leser die Hintergründe und Analysen bieten, die in Festtagsreden immer wieder beschworen werden. Die Tageszeitung müsste zur täglich erscheinenden Wochenzeitung werden. Dann hätte sie gegenüber den aktualitätsgetriebenen Onlinemedien einen Unique-Selling-Point. Das ist schwer. Keine Frage. Das kostet auch Geld  und Mut. Aber ohne wird es nicht gehen.

Und die Lokalzeitungen? Die müssten endlich begreifen, warum sie überhaupt gelesen werden. Nicht wegen ihres mit Agenturmeldungen vollgeklatschten Mantels, sondern wegen des Lokalteils. Warum also nicht darauf verzichten? Die Lokalzeitung besteht dann wirklich nur aus dem Lokalteil, vielleicht am Wochenende ergänzt mit ein paar hintergründigen Artikeln aus dem Weltgeschehen. Damit würden personelle und finanzielle Ressourcen frei, die in die Lokalredaktionen gesteckt werden könnten. Das hätte den Effekt, dass mehr erfahrene Redakteure für den Lokalteil arbeiten würden. Die Arbeit würde sich auf mehr Schultern verteilen und es wäre Raum zur Recherche. Und vielleicht bliebe auch noch so viel über, dass den freien Journalisten, die bisher für 20 bis 30 Cent die Zeile die Seiten vollgeschrieben haben, so viel Geld gezahlt werden könnte, dass sich Recherche auch finanziell lohnt. Wenn das dann zu einer weniger zahnlosen Berichterstattung gegenüber lokalen Wirtschafts- und Politikvertreter führen würde: Die Leser würden es danken. Da bin ich mir sicher.

Doch langsam läuft die Zeit davon. Die Tageszeitungsverlage müssen endlich beginnen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Denn kein iPad und kein Leistungsschutzrecht der Welt wird sie sonst vor ihrem Untergang bewahren.

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