MULTITASKING: Alles gleichzeitig und sofort – aber nicht besser

28 Mrz

Die Zeit ist knapp, die To-do-Liste lang. Beschäftigte versuchen deshalb häufig, möglichst viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Sie „multitasken“. Doch der Mensch ist keine Maschine und kann nur bestimmte Tätigkeiten gleichzeitig ausführen. Wer das missachtet, erhöht den Stresspegel und die Fehlerrate – und braucht sogar noch mehr Zeit für seine Aufgaben.

Telefonieren, E-Mails beantworten, schnell noch eine Präsentation vorbereiten – und am besten alles gleichzeitig. Multitasking steht in vielen Büros auf der Tagesordnung. Nur wer vieles parallel erledigt, gilt als effizient. Doch nicht nur dort scheint Gleichzeitigkeit selbstverständlich geworden zu sein, auch in anderen Branchen versuchen Beschäftigte häufig, mehrere Aufgaben auf einmal auszuführen: Der Außendienst-mitarbeiter, der während der Autofahrt telefoniert, oder der Paketzusteller, der die nächste Lieferadresse während der Fahrt ins Navigationsgerät tippt, sind nur zwei Beispiele.

Doch sind „Multitasker“ wirklich produktiver als „Monotasker“? „Nein“, antwortet Dr. Hiltraut Paridon, Wissenschaftlerin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversich-erung (IAG). „Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, Menschen die multitasken, machen mehr Fehler, und um die zu korrigieren, benötigen sie wieder mehr Zeit.“

Es gebe auch keine Menschen, die automatisch mehrere Aufgaben besser gleichzeitig lösen könnten als andere, fügt Paridon an. „Es gibt jedoch Menschen, die lieber multitasken als andere. Sie sind dabei weniger beansprucht.“ Das habe auch nichts mit dem Alter zu tun, wie häufig angenommen werde. „Ältere Menschen können genauso gut oder schlecht mehrere Aufgaben gleichzeitig lösen wie junge Menschen. Erst ab einem Alter von etwa 70 Jahren gelingt das merklich schlechter“, sagt Paridon. Auch die Annahme, dass Frauen multitaskingfähiger sind als Männer, sei ein Mythos.

Was für Außenstehende nach „gleichzeitig“ aussieht, passiert in Wirklichkeit nacheinander. „Der Mensch kann eigentlich nur eine Aufgabe auf einmal bearbeiten“, sagt Paridon. Müssten zwei Dinge auf einmal erledigt werden, schaltet das Gehirn schnell hin und her. „Tatsächlich werden die Aufgaben nacheinander bearbeitet.“ Arbeitswissenschaftlich betrachtet, wird die Anforderung, mehrere Aufgaben parallel zu bearbeiten, wertneutral als psychische Belastung eingestuft. Anfänglich aktivieren überschaubare Anforderungen sogar die betroffene Person und fordern sie heraus. Nehmen die unterschiedlichen Aufgaben aber zu, werden Handlungsspielräume und Zeit begrenzt, reichen die individuellen Ressourcen nicht mehr aus. Das ist der Moment, in dem es zur geistigen und körperlichen Erschöpfung kommen kann.

Das bedeutet nicht, dass zwei Dinge nicht gut nebeneinander bewältigt werden können. „Wir verfügen über eine endliche Menge an kognitiven Verarbeitungs-ressourcen. Die können wir auf unterschiedliche Tätigkeiten verteilen. Abhängig von den Tätigkeiten und unserer Zuweisung verändert sich unsere Leistung“, sagt Paridon. Wer eine Aufgabe fast automatisch erledigt, benötigt dafür weniger kognitive Ressourcen – und hat freie Kapazitäten für andere Tätigkeiten. Das hänge nicht zuletzt von der Schwere der Aufgabe und der Routine ab. „Zeitunglesen und Kaffeetrinken gehen wunderbar zusammen, Autofahren und dabei eine Kurznachricht auf das Handy tippen dagegen nicht. Das sollte man tunlichst sein lassen!“

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Erschienen in DGUV Arbeit & Gesundheit 5/6 – 2013.

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