Wenn Schäfchen zählen nicht mehr hilft

3 Mai

Schlechter Schlaf macht krank, dumm und dick – so bringt ein Schlafforscher die Folgen von Ein- und Durchschlafstörungen auf den Punkt. Knapp ein Viertel aller Deutschen leiden darunter. Bei der Arbeit wirkt sich der Schlafmangel dann durch Unkonzentriertheit und Sekundenschlafattacken aus. Glücklicherweise haben die Forscher auch eine gute Nachricht: Schlafen kann man lernen.

Wer kennt das nicht? Man liegt nachts im Bett, wälzt sich herum und allem Schäfchen zählen zum Trotz: Der erlösende Schlaf will einfach nicht kommen. Am nächsten Tag schlurft man wie unter einer Nebelglocke umher – unkonzentriert, müde und ohne jede Energie. Für viele Menschen in Deutschland ist diese Schlaflosigkeit ein Dauerzustand: Sie leiden unter chronischen Schlafstörungen. Laut einer Forsa-Umfrage der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2010 hat jeder zehnte Deutsche regelmäßig Probleme mit dem Einschlafen, weitere 13 Prozent zumindest gelegentlich. Und fast jeder Fünfte hat Schwierigkeiten mit dem Durchschlafen. Im jüngst veröffentlichten Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gaben 25 Prozent der Befragten an, die weder Schichtarbeit nachgehen noch versetzte Arbeitszeiten haben, unter nächtlichen Schlafstörungen zu leiden. Sogar 45 Prozent dieser Gruppe klagten über allgemeine Müdigkeit, Mattigkeit oder Erschöpfung. Der Grund ist häufig Stress.

„Es ist schwer zu erfassen, wie viele Menschen wirklich an Schlafstörungen leiden, da eine subjektive Schlafstörung keine Schlafstörung im medizinischen Sinn sein muss“, sagt Dr. med. Kerstin Einsiedler, Arbeitsschutzärztin der Unfallkasse Post und Telekom (UKPT). „Wer manchmal schlecht schläft, muss deshalb nicht unter einer chronischen Schlafstörung leiden.“ Aus ärztlicher Sicht spreche man von einer Einschlafstörung, wenn eine Person nach dem Zubettgehen innerhalb eines Monats mehrmals hintereinander länger als eine halbe Stunde zum Einschlafen brauche. Wache die Person mehrmals im Monat in der Nacht auf und brauche dann regelmäßig länger als eine halbe Stunde zum Wiedereinschlafen, handele es sich um eine Durchschlafstörung, erläutert Einsiedler weiter. „Ein weiteres Indiz für Schlafstörungen ist der Zustand am Tag. Tagesmüdigkeit mit Neigung zum Einschlafen oder ein Mattigkeitsgefühl, das zu vermehrten Ruhepausen zwingt, sind ein untrüglicher Hinweis auf Schlafstörungen“, sagt sie.

Egal, ob jemand nur hin und wieder mit mangelndem Schlaf zu kämpfen hat oder chronische Schlafprobleme hat: Beides kann gefährliche Folgen haben. „Kurzfristig führen mangelnder Schlaf und Schlafstörungen zu Müdigkeit, Gereiztheit, Unkonzentriertheit, einer sinkenden Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Zudem wird die Wahrnehmung der Betroffenen beeinträchtigt und die Gefahr von Fehlentscheidungen nimmt zu“, sagt Einsiedler. Damit steige natürlich die Unfallgefahr für die Betroffenen selbst, aber auch für Unbeteiligte.

Gefährlich können auch die langfristigen Folgen von chronischer Schlaflosigkeit werden. Die Erholungsfunktion des Schlafes finde vor allem in der ersten Nachthälfte statt, während des sogenannten Tiefschlafs, sagt Professor Dr. Jürgen Zulley, einer der führenden Schlafforscher hierzulande. „In dieser Zeit werden bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet, die für die Regeneration des Immunsystems und die notwendige Erholung sorgen.“ Schlechter Schlaf schwächt also Abwehrkräfte. Zudem leiden Menschen mit Schlafproblemen häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sogar psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Psychosen können die Folge chronischer Schlafstörungen sein.

Erwiesen sei zudem, dass während des Schlafens Prozesse der Gedächtnisbildung aktiviert würden, die nicht nur zu einer Festigung von Informationen und Wissen führten, sondern auch zu Lösungen von Problemen, sagt Zulley. „Vereinfacht gesagt: Während wir schlafen, werden wir schlauer.“ Und schließlich bekomme man Übergewicht, da das metabolische System im Gehirn den Blutzucker nicht mehr richtig regulieren könne. Zulley ist deshalb davon überzeugt: „Dauerhaft schlechter Schlaf kann krank, dumm und dick machen.“ Für Betriebe bedeutet das, dass Beschäftigte mit chronischen Schlafstörungen häufiger Leistungsschwankungen unterworfen sind oder ihre Leistung gar dauerhaft sinkt. Die Arbeit wird qualitativ und quantitativ schlechter. Außerdem führen chronische Schlafstörungen aufgrund der getrübten Wahrnehmung häufiger zu Fehlentscheidungen.

Die Wissenschaft kennt insgesamt mehr als 80 Formen von Schlafstörungen. Die bekannteste und verbreitetste ist die psychoreaktive Dyssomnie. „Bei dieser Störung liegen die Betroffenen wach und grübeln über ihre Sorgen und Probleme, weil sie beruflichen oder privaten Stress haben, belastende Dinge verarbeiten müssen oder aus einem anderen Grund angespannt sind“, sagt Einsiedler. Eine körperliche Erkrankung, die chronische Schlafstörungen verursacht, ist das obstruktive Schlafapnoesyndrom. Bei diesem sind die oberen Atemwege der Betroffenen verengt, eine geregelte Atmung ist gestört, es kommt zu Atemaussetzern. Unbehandelte Menschen klagen über Schnarchen, eine ausgeprägte Tages- und Morgenmüdigkeit sowie eine erhöhte Einschlafneigung und Sekundenschlafattacken. „Hier ist meist klar, welche medizinischen Maßnahmen folgen sollten, und die Chancen stehen gut, dass es danach besser wird“, sagt Einsiedler. weiterlesen

Erschienen in DGUV Arbeit & Gesundheit 5/6 – 2013

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