FALK FATAL ist perplex

27 Mai

fa8a6-falkfatal-260x312Manchmal geschehen in dieser Stadt Dinge, die hauen mich einfach um. Neulich schlenderte ich durch die Straßen unseres Viertels und wurde Zeuge eines bizarren Schauspiels. Am Straßenrand stand eine Rentnerin gemeinsam mit einer jungen Frau mit Kinderwagen. Beide unterhielten sich angeregt und starrten dabei auf die Straße, die zu diesem Zeitpunkt wenig befahren war. In der Fahrbahnmitte saß ein Vogelküken, das anscheinend ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Einen dunkelhäutigen Mann mittleren Alters, der in diesem Moment auf der anderen Straßenseite entlang spazierte, winkten die beiden eilig zu sich herüber. Der Mann schien überrascht, trottete aber zu ihnen.

Ich war mittlerweile in Hörweite, als die Rentnerin zu dem Mann folgende Worte sagte: „Entschuldigen Sie, aber wären Sie so nett und könnten das Küken von der Straße holen und dort an zu dem Baum setzen?“ Dabei zeigte sie mit ihrer rechten Hand auf einen Baum, der ein paar Meter weiter vor ihnen stand. „Wissen Sie, hier fahren doch immer Autos und es wäre doch schade, wenn das Küken totgefahren werden würde.“ Der Mann schaute sie verwundert an, ging dann aber doch zu dem Küken, hob es auf und setzte es vor dem Baum ab. Zum Abschluss rief die Rentnerin dem Mann zu: „Vielen, vielen Dank!“

Dann wandte sie sich wieder der jungen Frau zu und sagte zu ihr: „Ein ganz feiner Kerl dieser Mann. Ein Deutscher hätte nicht geholfen. Aber ich sage ja immer: Unsere Ausländer sind die besten!“ Die junge Frau nickte verständnisvoll. Dann gingen beide weiter ihres Weges. Ich bliebe perplex zurück und ließ mir das eben Gehörte noch einmal durch den Kopf gehen.

Unsere Ausländer, wer zum Teufel soll das bitte sein? Und warum sind es unsere Ausländer? Gibt es wieder Leibeigenschaft in diesem Land? Ich habe zumindest nichts davon gehört, also denke ich, dass auch weiterhin jeder sein eigener Herr ist. Und warum sollen „unsere Ausländer“ die besten sein? Weil sie besser sind als Ausländer in Frankreich oder Spanien? Ist das eine neue, perfide Form des Nationalismus? Und was bedeutet das im Umkehrschluss? Dass die Prolls, die ihren Jahresurlaub sangria- und biersaufend am Ballermann verbringen, die schlechteren Ausländer sind? Ok, diesen Punkt würde ich bejahen. Aber nicht, weil sie in diesem Moment Ausländer sind, sondern sich wie die Axt im Walde verhalten. Kein Mensch ist besser oder schlechter als ein anderer aufgrund seiner Herkunft, seines Äußeren oder seines Glaubens. Das entscheiden ganz allein seine oder ihre Taten!

Ich weiß, die alte Frau hat es bestimmt nur gut gemeint. Aber das Gegenteil von gut ist gut gemeint.  Immer noch perplex und leicht belustigt, spazierte ich schließlich nach Hause und begann mir Gedanken über das nächste Urlaubsziel zu machen. Lieber Frankreich oder doch lieber Spanien?

Erschienen in Sensor Wiesbaden 4/2013

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